Búkolla
Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die in einer kleinen Kate unterhalb eines Berges lebten. Sie waren arm — so arm, dass sie kaum mehr besaßen als Rauch aus dem Schornstein, Torf über dem Kopf und eine Kuh im Stall. Die Kuh hieß Búkolla.
Sie war ihnen mehr wert als Silber und Gold, denn sie gab ihnen Milch, wenn der Winter dunkel war, wenn Schnee über der Heimwiese lag und der Wind gegen die Wände schlug wie eine unsichtbare Hand. Sie hatten auch einen Sohn, einen jungen Burschen, still und gut, wenn auch nicht immer so umsichtig, wie seine Eltern es sich gewünscht hätten.
Eines Morgens ging die Alte mit dem Melkeimer in den Stall. Doch als sie die Tür öffnete, stand die Box leer. Búkolla war verschwunden.
Die Alte rief nach dem Alten, und der Alte rief nach seinem Sohn. Sie suchten rund um den Hof, hinunter zum Bach, entlang des Zauns und über die Wiese. Aber das Tier war nirgends zu sehen. Nur eine schwache Spur ließ sich im taunassen Gras erkennen, als sei etwas in Richtung des Berges aufgebrochen, während die Menschen schliefen.
„Jetzt haben wir ein Problem", sagte der Alte. „Wenn Búkolla nicht gefunden wird, bleibt uns wenig zum Leben."
Die Alte sah ihren Sohn an. Sie war bleich im Gesicht, doch ihre Stimme war fest. „Geh, mein Junge", sagte sie. „Suche sie. Und wenn du weit vom Hof entfernt bist, ruf laut: Muhe nun, meine Búkolla, wenn du noch irgendwo am Leben bist."
Der Junge nickte, nahm seinen Stab und machte sich auf den Weg. Zuerst ging er über die Heimwiese, dann über die Moore, wo noch Frost in den Mulden lag, obwohl die Sonne schon aufgegangen war. Er kam an grauen Steinen, schwarzen Lavakanten und Bächen vorbei, die unter dem Eis murmelten. Die Berge erhoben sich vor ihm, dunkel und still, als hätten sie die ganze Nacht gewacht und wüssten mehr, als sie sagen wollten.
Als er ein Stück vom Hof entfernt war, blieb er stehen, legte die Hände an den Mund und rief: „Muhe nun, meine Búkolla, wenn du noch irgendwo am Leben bist!"
Er lauschte. Nichts als der Wind im Gras.
Er ging weiter und rief erneut. Da glaubte er, etwas zu hören — sehr leise, sehr weit entfernt. Ein klagendes Muhen, als käme es aus dem Inneren eines Steins.
Der Junge lief in Richtung des Klangs. Er kletterte einen steilen Hang hinauf, kroch zwischen Felsblöcken hindurch und kam schließlich zu einem dunklen Höhleneingang unter einer schwarzen Klippe. Drinnen war die Luft kalt und schwer, es roch nach Erde, Rauch und alten Knochen.
„Búkolla?", flüsterte er.
Die Kuh muhte wieder. Tief im Inneren sah er sie — an einen großen Stein gebunden, ein kleines Kalb neben ihr. Sie bewegte die Ohren, als sie ihn sah, und blickte ihn mit Augen an, die tiefer waren als die Nacht draußen.
„Meine Búkolla", sagte er und lief zu ihr. Er band sie so schnell er konnte los. Doch als das Seil sich löste, war ein schweres Schnarchen aus der Höhle zu hören. Dann noch eines. Er sah zwei Riesinnen schlafen, eine groß, eine kleiner, die Köpfe auf Steinen, die Füße ins Dunkel gestreckt.
Búkolla stieß ihn sanft mit dem Kopf an, als wolle sie sagen: beeil dich.
Er führte sie hinaus, das Kalb hinterher. Kaum waren sie vom Felsen herabgekommen, erwachte die große Riesin. „Wer hat meine Kuh genommen?", brüllte sie, dass der Berg widerhallte. Auch die kleinere erhob sich, und gemeinsam stürmten sie hinaus und sahen den Jungen und Búkolla den Hang hinunterlaufen.
„Da läuft er! Fangt ihn!"
Der Junge blickte zurück und sah sie mit so langen Schritten kommen, dass er wusste, sie würden ihn bald einholen. „Was sollen wir jetzt tun, meine Búkolla?", rief er.
Búkolla drehte den Kopf und sagte leise, aber klar: „Nimm ein Haar aus meinem Schweif und leg es auf den Boden."
Er tat es. Sie sprach darüber: „Werde ein so großer Fluss, dass niemand hinüberkommt außer dem fliegenden Vogel."
Sofort wurde das Haar zu einem breiten, tosenden Fluss, dunkel und tief, mit weißen Wellen, die gegen die Ufer schlugen. Die große Riesin erreichte ihn und knurrte. „Das wird dir nicht helfen, Junge!" Sie wandte sich an die kleinere. „Lauf heim und hol den großen Stier meines Vaters!"
Die kleine Riesin lief zurück in den Berg und kehrte bald mit einem gewaltigen Stier zurück, schwärzer als die Nacht, größer als jedes Tier, das der Junge je gesehen hatte. Er trank den Fluss leer.
Die Riesinnen setzten die Verfolgung fort. „Was jetzt, meine Búkolla?", rief der Junge.
„Nimm noch ein Haar und leg es hin", sagte sie. Er tat es, und sie sprach: „Werde ein so großes Feuer, dass niemand hinüberkommt außer dem fliegenden Vogel."
Feuer schoss empor, rot und golden, und erleuchtete die Hänge wie ein gefallener Sonnenuntergang. Die Hitze trieb die Riesinnen zurück — doch die große lachte dunkel. „Auch das wird dir nicht helfen." Sie rief den Stier, der schwer und nass ankam und all das getrunkene Wasser über die Flammen ergoss. Das Feuer verzischte.
Nun waren die Riesinnen näher als je zuvor. „Meine Búkolla", sagte der Junge, „jetzt kriegen sie uns."
„Nimm noch ein Haar", sagte Búkolla, „und leg es hin." Seine Hände zitterten, doch er tat es. Sie sprach: „Werde ein so hoher Berg, dass niemand hinüberkommt außer dem fliegenden Vogel."
Ein Berg erhob sich aus der Erde — höher als das Bauernhaus, höher als ein Kirchturm, höher als die Wolken. Graues Gestein reckte sich in den Himmel, und die Riesinnen verschwanden auf der anderen Seite.
Der Junge und Búkolla zogen weiter heimwärts. Doch die große Riesin gab nicht auf. „Das wird dir nicht helfen, Junge!", hallte ihre Stimme über den Berg. Sie schickte die Kleine heim, um den Bohrer ihres Vaters zu holen, und begann, das Gestein zu durchbohren. Es erzitterte, Steine fielen, Staub wirbelte auf. Endlich sah sie Licht auf der anderen Seite und wurde so ungeduldig, dass sie sich hineinzwängte, bevor das Loch weit genug war.
Sie steckte fest. Sie schüttelte den Berg und brüllte, bis die Raben von den Klippen aufflogen, doch je mehr sie sich wehrte, desto fester saß sie. Bald darauf wurde sie zu Stein im Berg. Manche sagen, sie stehe dort noch heute.
Der Junge ging nun mit Búkolla und dem Kalb heim. Die Alte kam auf den Hof, der Alte hinter ihr. Sie blickten den Jungen an, dann die Kuh, dann das tapsende Kalb. Die Alte weinte vor Freude. Der Alte legte dem Sohn die Hand auf die Schulter und sagte nichts, denn manchmal ist der größte Dank zu schwer für Worte.
Búkolla ging selbst in den Stall, als wäre sie nur kurz draußen gewesen. Sie wandte dem Jungen den Kopf zu und muhte leise — kein gewöhnliches Muhen, sondern wie ein altes Versprechen.
Von diesem Tag an vergaß der Junge nie, die Stalltür zu schließen. Und wenn abends der Wind über die Heimwiese strich, weich wie Wolle über dunkles Land, meinten die Leute manchmal, der Berg antworte fern — nicht mit Menschenstimme, nicht mit Riesenbrüllen, sondern mit einem tiefen, leisen Muhen.
Und dann sagten die Leute in der Gegend: „Das ist Búkolla. Sie kennt den Weg nach Hause noch immer."
