Die Elfen im Felsen

Es war einmal ein kleiner Hof am Fuß eines Berges, wo im Sommer das Gras weich war und der Schnee im Frühling lange in den Schatten liegen blieb. Oberhalb des Hofes stand ein großer Felsblock, grau und moosbewachsen, und niemand legte je Hand an ihn. Kinder durften um ihn herum spielen, aber sie durften nicht auf ihn klettern, ihn schlagen oder Steine nach ihm werfen.

„Dieser Fels hat Besitzer", pflegte die alte Frau des Hofes zu sagen. „Man sieht sie nicht immer, aber sie hören mehr, als Menschen glauben."

Auf dem Hof lebte ein Mädchen namens Rúna. Sie war von Natur aus nicht ängstlich, aber auch nicht unbedacht. Oft hatte sie beim Felsen gesessen und ein seltsames Murmeln aus seinem Inneren gehört, wie ferne Gesänge oder kleine Schritte auf einem Boden, wo kein Haus stand.

Ein Winter wurde besonders hart in der Gegend. Die Schafe magerten ab, das Mehl in den Truhen wurde weniger, und das Brennholz ging früher aus als erwartet. Rúnas Vater beschloss, Gestein aus dem Felsen zu brechen, um eine neue Mauer für den Schafstall zu bauen.

Die alte Frau erhob sich von ihrem Platz. „Das sollst du nicht tun", sagte sie. „Nicht bei diesem Felsen."

„Ich kann die Kinder nicht mit Geschichten ernähren", antwortete der Vater. „Die Mauer fällt ein, wenn ich nichts tue."

Am nächsten Morgen ging er mit einer Brechstange zum Felsen. Rúna folgte ihm, denn ihr war unbehaglich zumute. Der Wind stand still am Hang, als hätte alles aufgehört zu atmen.

Der Vater hob die Brechstange und schlug gegen den Felsen. Im selben Moment war ein Weinen zu hören — nicht laut, sondern klein und erschrocken, als wäre ein Kind im Stein erwacht.

Der Vater erstarrte. Rúna griff nach seinem Ärmel. „Vater", flüsterte sie. „Hör auf."

Er betrachtete den entstandenen Riss. Dort glitzerte heller Staub im Dunkeln, und aus dem Inneren des Felsens drang eine schwache Stimme: „Brich nicht unser Haus."

Der Vater wich zurück. Er sagte nichts, nahm die Brechstange und ging heim, bleich wie Schnee.

Am Abend saß die Hausgemeinschaft schweigend am Feuer. Niemand wollte über die Stimme sprechen. Doch als alle eingeschlafen waren, hörte Rúna ein leises Klopfen am Fenster.

Sie stand auf und sah draußen im Dunkeln ein schwaches Licht. Am Fenster stand eine Frau, nicht größer als ein Kind, in einem grünen Gewand, das aus Moos und Nachtschatten gewoben schien. Ihre Augen leuchteten wie Tau auf Stein.

„Rúna", sagte die Frau. „Du hast unser Kind weinen gehört."

Rúna nickte. „Dein Vater wollte nichts Böses", sagte die Elfenfrau. „Aber die Menschen vergessen manchmal, dass es Häuser gibt, wo sie nur Stein sehen."

„Wir brauchen Gestein", sagte Rúna. „Und wir haben wenig übrig."

Die Elfenfrau sah sie lange an. „Dann komm mit mir."

Rúna zog Wollstrümpfe und ihren Umhang an und ging hinaus. Die Elfenfrau legte die Handfläche auf den Felsen, und wo zuvor graues Gestein gewesen war, öffnete sich ein kleiner Gang, weich von Licht.

Rúna trat ein. Im Inneren des Felsens war es nicht kalt und dunkel, sondern warm und golden. Es gab kleine Stuben mit Wänden aus glitzerndem Stein, Betten aus Moos, Lampen, die ohne Feuer brannten, und scheue Kinder, die sie aus Türöffnungen beobachteten. Sie sah eine kleine Wiege, in der das Kind, das geweint hatte, nun ruhig schlief.

Die Elfenfrau führte sie in einen großen Saal. Dort saßen Elfen an einem Tisch. Sie waren weder ganz wie Menschen noch ganz anders. Sie waren stiller, und es schien, als gehorchten ihnen die Schatten.

„Die Menschen unterhalb des Felsens hungern", sagte die Elfenfrau zu ihren Leuten. „Aber sie hielten inne, als sie uns hörten."

Ein alter Elf erhob sich. Sein Bart war weiß wie Frost am Fenster. „Dann sollen sie nicht für ihre Barmherzigkeit büßen", sagte er.

Er reichte Rúna ein kleines Säckchen. „Öffne es nicht, bevor die Sonne aufgeht."

Rúna dankte und kehrte heim. Als sie sich umblickte, war der Gang verschwunden, und der Felsen war wieder nur ein Felsen.

Am Morgen öffnete die alte Frau das Säckchen. Darin war kein Gold, kein Silber, sondern Samen — klein, dunkel, ganz gewöhnliche Samen.

Rúnas Vater seufzte. „Samen ernähren uns heute nicht."

Aber die alte Frau lächelte. „Nicht heute. Aber vielleicht länger als Gold."

Sie säten die Samen in ein kleines Stück Land unterhalb des Felsens. In jenem Sommer wuchs dort Gerste so dicht und hoch, dass niemand je etwas Ähnliches gesehen hatte. Jedes Korn wurde schwer und voll, und als der Herbst kam, füllten sich die Truhen. Sie hatten genug für sich, genug für die Tiere und genug, um es bedürftigen Nachbarn zu geben.

Rúnas Vater errichtete die neue Mauer aus Gestein, das er weit unten am Fluss fand. Er berührte den Felsen nie wieder.

Von diesem Tag an stellte Rúna abends manchmal eine kleine Schale Milch an den Felsen. Am nächsten Morgen war die Schale leer, und stattdessen lag manchmal eine kleine Blume dort, die sonst nirgends im Tal zu finden war.

Als Rúna alt wurde und Kinder sie fragten, ob Elfen wirklich existierten, antwortete sie nicht sofort. Sie blickte dann zum Felsen hinauf, wo weiches Moos über dem grauen Gestein lag.

„Es gibt Häuser, die Menschen nicht sehen", sagte sie. „Und man tut gut daran, vorsichtig zu gehen, wo die Welt still wird."

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