Der Nykur

Es war einmal ein Hof an einem See, weit im Landesinneren, wo sich der Abendnebel über die Ufer legte, ehe die Sonne ganz untergegangen war. Der See war tief und dunkel. An guten Tagen spiegelte er den Himmel, doch an schlechten Tagen war er schwarz, als hätte er gar keinen Grund.

Auf dem Hof lebten Geschwister, ein Junge und ein Mädchen. Er hieß Ari, sie hieß Una. Man hatte sie oft vor dem See gewarnt.

„Geht nicht zu nah ans Ufer, wenn der Nebel kommt", sagte ihre Mutter. „Und wenn ihr ein schönes graues Pferd am Wasser seht, berührt es nicht."

„Warum nicht?", fragte Ari.

„Weil manche Pferde keine Pferde sind", antwortete die Mutter.

Una behielt diese Worte im Sinn. Ari auch, doch er war von der Art, die immer selbst sehen wollte, wovor andere sie warnten.

Eines Spätsommerabends gingen die Geschwister, um Lämmer zu holen, die sich zum See hin verirrt hatten. Die Sonne hing rot hinter dem Berg, und die Luft war so still, dass sie ihre eigenen Schritte im Gras hörten. Sie fanden die Lämmer schnell, doch als sie heimwollten, sahen sie ein Pferd am Ufer.

Es war hellgrau, mit einer Mähne, die wie ein Silberfaden den Hals hinabfiel. Es stand still und sah sie an. Kein Zaumzeug war an ihm, kein Eisen unter den Hufen. Es war so schön, dass Ari die Warnung sofort vergaß.

„Schau", flüsterte er. „Es ist wie aus einem Traum."

Una griff nach seinem Ärmel. „Mutter sagte, wir sollten kein graues Pferd am Wasser berühren."

„Das ist nur ein Pferd", sagte Ari. „Vielleicht hat es sich von einem Hof verirrt."

Das Pferd trat einen Schritt näher. Es senkte den Kopf, als lade es sie ein, aufzusteigen.

Ari ging zu ihm. „Nicht", sagte Una.

Ari streckte die Hand aus und berührte die Mähne.

Im selben Augenblick klebte seine Hand fest.

Er versuchte, sie zurückzuziehen, doch es gelang nicht. „Una", sagte er, und seine Stimme war nicht mehr mutig. „Ich komme nicht los."

Das Pferd drehte langsam den Kopf. Die Augen waren keine Pferdeaugen. Sie waren nass und kalt, und in ihnen lag eine tiefe Wassernacht.

Una begriff es da. Das war der Nykur.

Sie packte ihren Bruder und zog, doch als sie ihn berührte, klebte auch sie fest. Der Nykur setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann schneller, hinunter zum See.

Die Lämmer blökten und liefen davon. Nebel stieg vom See auf wie weiße Hände.

Ari versuchte, sich mit den Füßen abzustoßen. Una weinte nicht. Sie sah sich um, suchte nach irgendetwas. Da sah sie ein kleines Eisenmesser in Aris Gürtel. Ihr Vater hatte es ihm gegeben, um Schnüre zu schneiden.

„Das Messer!", rief sie.

Ari versuchte, mit der freien Hand danach zu greifen, doch das Pferd schüttelte sich, und sie wurden hin und her geworfen. Das Wasser war nur noch wenige Schritte entfernt.

Una streckte sich hinunter. Ihre Finger berührten den Griff. Sie zog das Messer heraus und schnitt mit aller Ruhe, die ihr geblieben war, durch ihren Ärmel, wo er an Aris festklebte.

Sie kam frei.

Doch Ari war noch am Nykur festgeklebt. Una fiel ins Gras. Der Nykur sprang vor. Wasser spritzte unter seinen Hufen.

„Ari!", rief sie.

Da erinnerte sie sich an die Worte einer alten Frau, die früher auf dem Hof gelebt hatte: Alles, was aus dem Wasser kommt, erträgt seinen wahren Namen schlecht, wenn er im Glauben ausgesprochen wird.

Una richtete sich auf, holte tief Luft und rief so laut sie konnte: „Nykur! Nykur! Nykur!"

Das Pferd wieherte, doch das Wiehern wurde zu einem entsetzlichen Schrei. Es zuckte, als hätte das Wort es verbrannt. Ari fiel von seinem Rücken und schlug im seichten Wasser am Ufer auf.

Una lief zu ihm, packte seinen Kragen und zog ihn an Land.

Der Nykur wich zurück ins Wasser. Er war nicht mehr schön. Die Mähne wurde zu Wasserpflanzen, die Hufe zu schwarzen Felsen, und die Augen verschwanden unter der Oberfläche. Nur Ringe auf dem Wasser zeigten, wo er gewesen war.

Die Geschwister liefen mit den Lämmern heim, nass, zitternd und schweigend.

Ihre Mutter sagte zunächst nichts. Sie nahm sie herein, wickelte sie in Wolldecken und gab ihnen heiße Milch. Dann setzte sie sich zu ihnen.

„Jetzt wisst ihr", sagte sie leise, „dass nicht jede hübsche Einladung eine gute ist."

Danach ging Ari nie wieder allein zum See. Una wurde diejenige, die alle fragten, wenn Kinder wissen wollten, ob der Nykur echt sei.

Sie antwortete nie direkt. Sie blickte nur zum See, wo abends manchmal der Nebel aufstieg.

„Wenn ihr ein graues Pferd seht, wo kein Pferd sein sollte", sagte sie, „geht heim, ohne es zu berühren."

Und manchmal, wenn kein Wind wehte und der See glatt wie Glas lag, war weit draußen in der Tiefe ein Wiehern zu hören, das kein richtiges Wiehern war.

← Zurück zu allen Geschichten