Das Robbenfell

Es war einmal ein junger Bauer, der am Meer lebte, auf einem Hof, dessen Wiesen in schwarzem Strandsand endeten und in dessen Ohren die Brandung nie verstummte. Er war ein einsamer Mann. Er hatte Schafe, ein Boot und ein Haus, doch niemand wartete drinnen auf ihn, wenn er von der Fischerei heimkam.

Nahe dem Hof lag eine Schäre, die nur bei Ebbe deutlich zu sehen war. Man sagte, dort kämen nachts Robben an, nicht nur gewöhnliche Robben, sondern Robbenfrauen und Robbenmänner, die ihre Häute ablegten und im Mondlicht tanzten wie Menschen des Meeres.

Der Bauer hatte diese Geschichten seit seiner Kindheit gehört. Er hatte sie nicht geglaubt, doch er war auch nie in der richtigen Nacht zur Schäre gegangen.

In einer Johannisnacht, als das Meer glatt lag und der Mond groß war, erwachte er von Gesang. Er erhob sich, ging hinaus und hinunter zum Strand. Dort sah er Licht über der Schäre, kein Feuer und keine Sonne, sondern silbernen Glanz, der über allem lag.

Auf der Schäre tanzten Frauen. Zu ihren Füßen lagen Robbenhäute, dunkel und glänzend wie nasses Fell. Die Frauen lachten leise, sangen und drehten sich barfuß auf dem kalten Gestein. Eine von ihnen war die schönste. Ihr Haar fiel ihr über die Schultern, und ihre Augen blickten manchmal aufs Meer hinaus, selbst während sie tanzte.

Der Bauer stand lange im Schatten des Felsens.

Dann sah er ihre Haut am nächsten zum Strand liegen.

Er wusste, dass er umkehren sollte.

Doch die Einsamkeit in ihm war alt und schwer. Er schlich sich vor, nahm die Haut und verbarg sie unter seinem Umhang.

Als das Morgenrot in den Himmel kam, liefen die Frauen zu ihren Häuten, zogen sie an und wurden zu Robben, die ins Meer glitten. Doch die Schönste suchte und suchte und fand ihre Haut nicht.

Sie blieb allein auf der Schäre zurück, während das Meer zu steigen begann.

Der Bauer trat vor. „Komm mit mir", sagte er. „Du kannst nicht hierbleiben."

Sie sah ihn an und wusste sofort, was er getan hatte.

„Gib mir meine Haut", sagte sie.

Er antwortete nicht.

Sie bat nicht noch einmal. Sie ging mit ihm an Land, still und bleich, und wurde seine Frau.

Die Jahre vergingen.

Sie war eine gute Frau. Sie arbeitete auf dem Hof, spann Wolle, backte Brot und bekam Kinder. Die Kinder liebten sie, denn sie sang ihnen seltsame Lieder, die niemand sonst kannte, Lieder, die klangen wie Brandung im Schlaf.

Doch sie war nie ganz zu Hause.

Abends, wenn die anderen schliefen, saß sie manchmal am Fenster und blickte aufs Meer. Wenn unterhalb des Hofes Robben auftauchten, legte sie die Hand auf die Scheibe, und Tränen liefen still über ihre Wangen.

Der Bauer bewahrte die Robbenhaut in einer Truhe auf. Die Truhe war verschlossen, und den Schlüssel trug er immer bei sich. Er sagte sich, er tue dies aus Liebe. Doch Liebe, die einen verschlossenen Schlüssel braucht, ist kein Frieden.

Eines Tages ging er mit seiner Familie zur Kirche. Seine Frau blieb zu Hause, denn das jüngste Kind war krank. Als der Bauer auf halbem Weg war, griff er an seinen Gürtel.

Der Schlüssel war nicht da.

Er wurde totenbleich. Er eilte so schnell er konnte heim, doch als er zum Hof kam, stand die Truhe offen.

Seine Frau war am Strand.

Sie hielt ihre Haut.

Die Kinder standen neben ihr und weinten.

„Mutter, geh nicht", sagte das älteste Kind.

Die Robbenfrau kniete nieder und umarmte sie alle. Sie küsste sie der Reihe nach auf die Stirn.

„Ich liebe euch", sagte sie. „Aber das Meer rief mich, bevor ich eure Namen lernte, und es hat nie aufgehört."

Der Bauer kam den Strand hinuntergelaufen. „Bleib", sagte er. „Ich bitte dich."

Sie sah ihn lange an. In ihren Augen war Trauer, doch keine Wut.

„Du hättest mich fragen sollen, bevor du die Haut genommen hast", sagte sie.

Dann zog sie die Robbenhaut an. Ihr Körper verwandelte sich sanft, wie Wasser über Stein fließt. Wo die Frau gestanden hatte, lag nun eine Robbe, dunkel und schön. Sie blickte einmal zu den Kindern, einmal zum Bauern, und glitt dann ins Meer davon.

Die Kinder wuchsen auf dem Hof auf. Sie sahen ihre Mutter manchmal in der Brandung. Wenn sie allein zum Meer gingen, kam eine Robbe nah ans Ufer und folgte ihnen, als wache sie über sie. Wenn Stürme kamen und Boote in Gefahr waren, sagte man, eine Robbe sei vor dem Bug geschwommen und habe ihnen den rechten Weg gewiesen.

Der Bauer wurde nie wieder derselbe Mann. Er heiratete nicht erneut. Er ging oft zum Strand hinunter und blickte zur Schäre, wo der Mond auf dem Gestein lag.

Manche sagen, er habe dort geweint. Manche sagen, er habe um Vergebung gebeten, jedes Mal, wenn das Meer zu seinen Füßen zurückfiel.

Doch die Robbenfrau kam nie wieder an Land.

Und noch heute, wenn der Mond voll ist und das Meer glatt liegt, sagen die Leute, man könne draußen bei der Schäre einen Gesang hören. Er ist schön, aber nicht fröhlich.

Es ist das Lied derer, die zwei Heimaten lieben und nur in einer leben können.

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