Grettir und Glámur
Es war einmal ein Mann namens Grettir. Er war stark, stärker als die meisten Männer, doch nicht immer vom Glück begünstigt. Er hatte dunkle Augen, ein schweres Gemüt und ein Herz, das je nach Tageslage sowohl hart als auch gut sein konnte. Wenige wollten ihn zum Feind haben, doch nicht jeder verstand es, ihn zum Freund zu haben.
Zu jener Zeit gab es im Norden einen Hof, wo die Menschen schon lange nicht mehr ruhig geschlafen hatten. Es gab dort einen Stall, und in ihm eine Dunkelheit, die selbst bei Licht nicht zu weichen schien. Die Tiere wurden nachts unruhig. Pferde schwitzten in den Boxen. Hunde legten sich hin und wollten nicht bellen.
Auf dem Hof war ein Mann gestorben. Er hieß Glámur. Zu Lebzeiten war er groß und unfreundlich gewesen, störrisch und hart, und man sagte, er habe wenig Respekt vor heiligen Tagen oder gutem Rat gehabt. Nach seinem Tod blieb er nicht ruhig.
Zuerst hörten die Leute Schritte auf dem Hofplatz, wenn niemand dort war. Dann wurden Türen aufgerissen. Schafe wurden tot gefunden, als hätte etwas sie zu Tode erschreckt. Schließlich wagte niemand mehr, allein zu wachen, und niemand wollte nach Einbruch der Dunkelheit hinausgehen.
Als die Geschichte Grettir erreichte, lachten manche und sagten: „Da wäre eine Aufgabe für dich, wenn du so mutig bist, wie du vorgibst." Grettir sagte wenig. Aber er ging trotzdem.
Er kam spät am Tag zum Hof, als die Sonne tief stand und die Schatten lang wurden. Der Bauer empfing ihn mit Müdigkeit im Gesicht. „Ich will dich nicht täuschen", sagte der Bauer. „Wer hier nachts wacht, wacht nicht lange."
„Dann muss die Nacht sich beeilen", antwortete Grettir.
Er bat um Essen, aß gut und ging durch den Hof. Er prüfte Türen, Fenster, Stall und Scheune. In jeder Ecke fand er eine unangenehme Kälte, doch am schlimmsten war es im Stall. Dort standen die Kühe dicht beieinander, und als Grettir eintrat, wandten sie alle den Kopf zur selben leeren Ecke.
Am Abend setzte sich Grettir in die Stube, seine Waffen neben sich. Die Hausleute versuchten zu wachen, doch Angst und Müdigkeit legten sich über sie wie eine schwere Decke. Einer nach dem anderen schlief ein.
Grettir blieb allein zurück. Draußen heulte der Wind nicht. Das war das Schlimmste. Hätte es Wind gegeben, hätte man sagen können, die Geräusche kämen von ihm. Aber die Nacht war still.
Lange nach Mitternacht hörte Grettir Schritte. Zuerst weit entfernt. Dann näher. Dann auf dem Hofplatz. Jeder Schritt war schwer, als fiele ein Stein auf gefrorene Erde. Der Hund unter der Bank winselte leise und verbarg die Schnauze in den Pfoten.
Die Tür erzitterte. Einmal. Zweimal. Dann riss sie auf.
In der Tür stand Glámur. Er war größer, als ein lebender Mensch sein sollte. Sein Gesicht war blau und aufgedunsen, die Augen offen und kalt, und es schien, als folge die Dunkelheit ihm ins Zimmer. Er bückte sich unter dem Türsturz und sah Grettir an.
Grettir erhob sich langsam. „Du kommst spät", sagte er.
Glámur antwortete nicht. Er streckte die Hände aus und packte Grettir.
Sie prallten aufeinander wie zwei Felsen. Bänke zerbrachen, der Tisch stürzte um, und die Leute erwachten vom Lärm, wagten aber nicht, sich zu rühren. Grettir bekam Glámur zu fassen, spürte aber sofort, dass dies keine menschliche Kraft war, gegen die er kämpfte. Glámur war kalt, schwer und unnachgiebig. Er drängte Grettir zurück, zur Tür hinaus und in die Nacht.
Dort rangen sie auf dem Hofplatz. Der Mond war hinter einer Wolke hervorgekommen, und der Schnee gab ein schwaches Licht. Grettir spürte, wie seine Füße auf dem Eis rutschten. Glámur drängte ihn, und in seinen Augen war leere Finsternis, als sei ihm alles Lebendige zuwider.
Grettir biss die Zähne zusammen. Er hatte gegen Menschen, Tiere und die See gekämpft, doch nie gegen so etwas.
Sie wirbelten über den Hofplatz, prallten gegen die Wand und fielen beide zu Boden. Grettir lag unten, und Glámur beugte sich über ihn. Da sah Grettir sein Gesicht so nah, dass der kalte Atem sich wie ein Grab über ihn legte.
In diesem Moment spürte Grettir Furcht — nicht gewöhnliche Furcht, sondern eine tiefe, alte Furcht, die bis in die Knochen drang.
Er schrie, sammelte alle Kraft, die er hatte, und warf Glámur von sich. Dann griff er nach seiner Waffe und schlug zu.
Glámur fiel. Die Nacht wurde plötzlich still.
Doch bevor der Leib ganz ruhig wurde, öffneten sich die Augen noch einmal. Glámur sah Grettir an und sprach mit einer Stimme, die keine Menschenstimme mehr war: „Stark bist du, Grettir. Doch von dieser Nacht an wirst du die Dunkelheit mit dir tragen. Du wirst sehen, was andere nicht sehen, und du wirst nie wieder unbeschwert allein in der Dunkelheit sein."
Dann verstummte er.
Am nächsten Morgen verbrannten die Männer Glámurs Leiche dort, wo die Sonne hinreichte. Der Hof wurde wieder ruhig. Die Tiere hörten auf zu zittern, und Kinder konnten schlafen, ohne dass ihre Mütter wach am Bettrand saßen.
Die Leute dankten Grettir. Sie sagten, er habe den Hof gerettet.
Grettir nahm den Dank an, doch er lächelte nicht. Als er fortging, blickte er einmal zurück. Der Hof lag im Morgenlicht, friedlich und klein unter dem Berg. Doch hinter dem Licht, am Rand seines Blicks, schien sich immer etwas zu bewegen.
Von dieser Nacht an blieb Grettir stark. Doch wenn die Dunkelheit kam und andere Männer nur Schatten sahen, sah Grettir manchmal Glámurs Augen.
Und dann verstand er, dass nicht jeder Sieg leicht zu tragen ist.
