Sæmundur der Weise und der Seehund
Es war einmal ein Mann namens Sæmundur. Man nannte ihn „den Weisen", denn er wusste mehr als die meisten Männer und hatte Bücher gelesen, die kaum jemand zu öffnen wagte. Manche sagten, er habe weit im Süden studiert. Manche sagten, er habe in einer Schule gesessen, in der die Finsternis selbst den Menschen Kunststücke lehrte. Und manche sagten, der Teufel habe ihn im Auge gehabt, seit er jung war.
Sæmundur war kein Mann, der leicht Angst bekam. Doch er wusste, dass jemand, der einen Pakt mit der Finsternis schließt, das Kleingedruckte besser lesen muss als andere.
Als Sæmundur sein Studium in der Fremde beendet hatte, wollte er heim nach Island. Doch der Teufel, der glaubte, ein Anrecht auf ihn zu haben, kam an einem dunklen Tag zu ihm und sagte: „Du hast genug von mir gelernt. Jetzt kommst du mit mir."
Sæmundur sah ihn ruhig an. „Ich gehe erst heim", sagte er.
„Heim?", sagte der Teufel und lachte. „Das Meer ist lang und kalt. Kein Boot wartet auf dich."
„Dann findest du eine Überfahrt für mich", sagte Sæmundur. „Du bist doch nicht ratlos."
Der Teufel verengte die Augen. Er war es gewohnt, dass Menschen baten, weinten oder flohen. Er war es nicht gewohnt, dass man mit ihm sprach wie ein Kaufmann auf dem Markt.
„Ich werde dich übers Meer tragen", sagte er schließlich. „Aber wenn wir Land erreichen, gehörst du mir."
„Wenn du mich erreichst, bevor ich an Land trete", sagte Sæmundur.
Der Teufel überlegte. Es schien ihm leicht. Wer könnte ihm auf See entkommen?
„Abgemacht", sagte er.
Da verwandelte sich der Teufel in einen großen Seehund, schwarz und glänzend, mit Augen, die für ein Tier zu klug waren. Sæmundur setzte sich auf seinen Rücken, hielt sein Buch trocken unter dem Umhang und machte sich auf den Weg übers Meer.
Das Meer war grau. Wellen erhoben und senkten sich wie Berge, die sie verschlingen wollten. Der Seehund war schnell, schneller als ein Schiff bei günstigem Wind, und Schaum spritzte hinter ihm auf. Sæmundur saß still, doch in Gedanken zählte er jeden Augenblick.
Der Teufel sprach mit ihm unterwegs. „Du bist schweigsam, Sæmundur."
„Man verschwendet keine Worte gegen den Wind", antwortete Sæmundur.
„Vielleicht glaubst du, mich austricksen zu können."
„Ich glaube vieles", sagte Sæmundur. „Nicht alles ist wahr."
Sie fuhren Tag und Nacht, oder was Tag und Nacht schien, denn auf dem Meer verlief die Zeit anders. Manchmal sah Sæmundur Lichter unter den Wellen, als lägen Höfe im Meeresgrund. Manchmal hörte er Stimmen, die seinen Namen aus dem Nebel riefen. Er antwortete nicht.
Endlich erhob sich Land voraus. Island. Schwarze Strände, weiße Brandung, Berge mit Schnee in den Schluchten.
Der Teufel spürte den Sieg nahen und schwamm noch schneller. „Nun, Sæmundur", sagte er. „Wenn ich dich ans Land trage, wirst du nicht entkommen."
Sæmundur antwortete nicht. Er zog vorsichtig das Buch unter dem Umhang hervor. Es war kein großes Buch, doch die Seiten waren schwer von Worten. Er hatte darin vieles gelesen, das man besser vergessen hätte, und nun wollte er es ein letztes Mal auf dieser Reise gebrauchen.
Der Seehund näherte sich dem Strand. Die Brandung stieg. Der schwarze Sand war nur noch wenige Meter entfernt.
Kurz bevor der Seehund den Strand erreichte, schlug Sæmundur ihm mit dem Buch mit aller Kraft auf den Kopf und sprang von seinem Rücken.
Er flog durch die Gischt und landete im Sand.
Zuerst der eine Fuß. Dann der andere. An Land.
Im selben Augenblick erhob sich der Seehund zu einer halbmenschlichen Gestalt, schäumend vor Wut. Seine Augen glühten, und das Meer kochte um ihn herum.
„Du hast mich betrogen!", brüllte der Teufel.
Sæmundur stand in der Brandung, bis zum Knie nass, doch ruhig. „Nein", sagte er. „Du sagtest, wenn du mich erreichst, bevor ich an Land trete, würde ich dir gehören. Nun stehe ich an Land."
Der Teufel zischte so laut, dass die Brandungswellen zurückwichen. „Ich werde dich später erwischen."
„Viele versuchen es später", sagte Sæmundur.
Der Teufel verschwand mit schwarzem Platschen im Meer. Zurück blieb nur eine Seehundhaut, die sich in Schaum auflöste und zu nichts wurde.
Sæmundur hob das Buch aus dem Sand auf. Es war nass und vom Schlag zerrissen. Er betrachtete es lange. Dann ging er den Strand hinauf, fand einen Stein und legte das Buch darunter.
„Manches muss nicht weitergehen", sagte er.
Dann ging er heim, wo man später erzählte, Sæmundur der Weise sei auf einem Seehund über das Meer gekommen und habe den Teufel selbst mit einem einzigen Sprung überlistet.
Doch Sæmundur sprach selten über die Reise. Wenn Leute fragten, ob die Geschichte wahr sei, lächelte er nur und blickte aufs Meer.
„Das Meer weiß viel", sagte er. „Und es erzählt es nicht immer richtig."
