Der Diakon von Myrká
Es war einmal eine junge Frau, die auf einem Hof im Eyjafjörður lebte. Sie hieß Guðrún und war die Verlobte eines Diakons, der in Myrká diente. Er war gut zu ihr, heiter im Gespräch und gewohnt, über Flüsse und Heiden zu reiten, wenn er von seinen Pflichten frei hatte.
Sie hatten vereinbart, sich an Weihnachten zu treffen. Der Diakon hatte versprochen, sie zu holen und mit ihr nach Myrká zu reiten, wo Freude und Licht sie mitten im Winter empfangen sollten.
Doch der Winter jenes Jahres war hart. Die Flüsse waren von Schneematsch geschwollen, die Wege von Schnee bedeckt, und die Dunkelheit kam früh übers Land. Eines Tages ritt der Diakon über den Fluss, doch sein Pferd rutschte auf dem Eis aus. Man fand ihn später, kalt und leblos, und begrub ihn auf dem Friedhof von Myrká.
Guðrún erfuhr davon nicht sofort. Die Wege waren beschwerlich, und Nachrichten verbreiteten sich langsam zwischen den Höfen.
Am Heiligabend saß sie in der Stube, angezogen und bereit, den Umhang über den Knien. Draußen war es dunkel, und der Schnee schlug in kleinen weißen Fäusten gegen das Fenster. Sie lauschte auf Hufschlag.
Endlich hörte sie ihn. Erst langsam. Dann näher. Dann hielt er vor dem Hof an.
Es klopfte an der Tür.
Guðrún lächelte und erhob sich. „Er ist gekommen", sagte sie.
Als sie öffnete, stand der Diakon draußen in der Dunkelheit. Er trug seinen Umhang, den Hut tief über die Stirn gezogen. Sein Pferd stand neben ihm, dunkel und müde, doch Guðrún fand es seltsam, dass trotz der Kälte kein Dampf von ihm aufstieg.
„Bist du bereit?", fragte der Diakon.
Seine Stimme war tief und schwer, als käme sie von weit her.
„Ja", sagte Guðrún, obwohl sich etwas in ihr versteifte.
Sie verabschiedete sich von den Hausleuten und stieg hinter ihm auf. Der Diakon nahm die Zügel, und das Pferd setzte sich in die Nacht hinein in Bewegung.
Zuerst sprachen sie wenig. Schnee lag über allem. Kein Stern war zu sehen. Das Pferd war schnell, doch Guðrún spürte keine gewöhnliche Pferdewärme unter sich. Alles war kalt: der Sattel, der Umhang, der Mann vor ihr.
Als sie zum Fluss kamen, lag das Wasser schwarz unter dem Eis. Das Pferd sprang hinüber, und im Sprung hob sich der Hut des Diakons leicht.
Guðrún sah sein Gesicht in einem Mondstrahl, der hinter einer Wolke hervorbrach.
Es war nicht das Gesicht eines lebenden Menschen.
Die Haut war blassblau, die Augen tief und leer, und Erde klebte an seinem Haar über den Schläfen.
Guðrúns Herz schlug so heftig, dass sie meinte, er müsse es hören.
Da sprach er:
„Der Mond gleitet, der Tod reitet. Siehst du nicht den weißen Fleck an meinem Nacken, Garún, Garún?"
Sie verstand da, dass derjenige, der mit ihr ritt, nicht ihr Verlobter war, sondern etwas, das aus dem Grab gekommen war und seine Erinnerung auf den Lippen trug.
Guðrún wurde nicht kraftlos. Sie dachte nach.
Sie hielt ihren Umhang fest und wartete. Das Pferd trug sie weiter nach Myrká. Als sie sich dem Friedhof näherten, sah sie ein offenes Grab an der Mauer. Dort war Dunkelheit, tiefer als die Nacht selbst.
Der Diakon stieg ab und wandte sich ihr zu. „Komm", sagte er.
Er streckte die Hand aus.
Guðrún ging langsam auf ihn zu, doch im selben Moment griff sie nach dem Glockenstrang an der Kirchentür und läutete ihn mit aller Kraft.
Die Glocken stimmten in die Nacht ein.
Der Diakon zuckte zusammen. Er griff nach ihrem Umhang, doch sie löste sich, und der Umhang riss in seinen Händen. Er fiel rückwärts in das offene Grab, das schwarze Umhangstück noch in der Faust.
Die Kirchenglocken läuteten weiter.
Die Leute in Myrká erwachten und liefen mit Lichtern hinaus. Sie fanden Guðrún zitternd an der Kirchentür. Am Grab sahen sie Spuren im Schnee, und im Grab lag das zerrissene Stück ihres Umhangs.
Erst da erfuhr sie, dass der Diakon gestorben war, bevor er sie hatte abholen können.
Nach dieser Nacht war Guðrún nie mehr ganz dieselbe. Doch sie lebte lange, und man sagte, sie sei sowohl stark als auch still geworden, wie Menschen manchmal werden, wenn sie in etwas geblickt haben, das nicht hätte geöffnet werden sollen.
In Myrká verschloss man danach das Friedhofstor sorgfältig. Und an Winterabenden, wenn Schnee die Wege bedeckte und Hufschlag aus der Dunkelheit zu hören war, ohne dass ein Pferd zu sehen war, schauten die Leute nicht sogleich hinaus.
Sie warteten.
Und wenn spät geklopft wurde, fragten sie zuerst: „Wer ist da?"
Denn nicht jeder, der zurückkommt, kommt lebend zurück.
