Der Junge, der das Troll überlistete
Es war einmal ein Junge, der auf einem kleinen Hof am Rand einer Heide lebte. Er war nicht groß, nicht stark und nicht besonders gehorsam, doch er dachte schnell. Er hieß Kári, und seine Mutter sagte oft, sein Mund laufe schneller als seine Füße.
Eines Herbsttages schickte sie ihn in die Hänge, um einen verlorenen Widder zu suchen. Das Wetter war klar gewesen, als er aufbrach, doch auf der Heide kann sich ein Tag in Nacht verwandeln, bevor man umkehren kann. Nebel kam vom Berg herab, grau und dicht, und bald sah Kári kaum noch seinen eigenen Stab vor sich.
Er rief nach dem Widder, doch nur ein Echo antwortete.
Dann hörte er ein anderes Geräusch. Kein Blöken. Atmen. Schweres Atmen, als bliese jemand durch einen Höhleneingang.
Kári drehte sich langsam um. Hinter ihm stand ein Troll. Es war groß, zottig, mit einer Nase, deren Schatten über seine Brust fiel. Die Augen waren gelbbraun und hungrig.
„Was tust du auf meiner Heide?", fragte das Troll.
Kári schluckte. „Ich suche einen Widder."
„Ich fand einen Jungen", sagte das Troll. „Das ist besser."
Es packte Kári zwischen zwei Fingern und trug ihn wie einen kleinen Sack zu seiner Höhle. Drinnen stand ein großer Topf über dem Feuer, und der Geruch verriet Kári, dass keine Beerensuppe gekocht wurde.
„Ich werde dich heute Abend essen", sagte das Troll.
„Das wäre schade", sagte Kári.
Das Troll hielt inne. „Warum?"
„Ich bin so klein", sagte Kári. „Du wirst nach mir hungriger sein als zuvor. Aber wenn du mich zuerst den Widder finden lässt, bekommst du beide, mich und den Widder."
Das Troll kratzte sich am Kopf. Daran hatte es nicht gedacht.
„Widder ist gut", murmelte es.
„Sehr gut", sagte Kári. „Aber gebunden hier finde ich ihn nicht."
Das Troll nahm eine Schnur und band sie um seine Taille. „Du kommst nicht weit."
Kári ging aus der Höhle, das Troll hinterher. Der Nebel war noch dicht. Er sah einen großen Stein, und da kam ihm die erste Idee.
„Mein Widder ist stark", sagte er. „Wenn du ihn fangen willst, musst du mir zeigen, dass du stärker bist."
Das Troll lachte. „Ich bin das stärkste auf der Heide."
„Kannst du dann Wasser aus diesem Stein pressen?", fragte Kári und nahm ein kleines Stück weißen Käse aus der Tasche, das seine Mutter ihm mitgegeben hatte. Er verbarg es in der hohlen Hand zusammen mit einem Stein.
Das Troll nahm einen großen Stein und drückte. Nichts geschah, außer dass seine Finger grau vom Staub wurden.
Kári nahm seinen „Stein", drückte den Käse, und Molke rann zwischen seinen Fingern.
Das Troll starrte. „Du bist stark für einen so kleinen Mann."
„Ich sagte es dir", erwiderte Kári. „Aber Stärke reicht nicht. Mein Widder ist auch klug. Kannst du einen Stein so hoch werfen, dass er nicht wieder herunterkommt?"
Das Troll nahm einen Felsbrocken und warf ihn. Er flog hoch, verschwand im Nebel und kam mit einem Krachen herab, das die Erde erschütterte.
Kári nahm einen kleinen Vogel aus einem Busch, wo er sich versteckt hatte, denn der Vogel hatte sich mit dem Fuß im Heidekraut verfangen. Kári hatte ihn früher am Tag befreit. Nun ließ er ihn aus der Hand.
„Schau", sagte er.
Der Vogel flog auf und verschwand im Nebel.
Das Troll wartete. Nichts kam herunter.
„Das ist nicht fair", murmelte es.
„Nein", sagte Kári. „Die Heide ist selten fair."
Das Troll war nun etwas unsicher geworden. Doch es war noch immer hungrig.
„Jetzt ab in den Topf", sagte es.
„Warte", sagte Kári. „Wenn du mich isst, ohne mich vorher zu waschen, bekommst du Erde und Nebel dazu. Das schmeckt schlecht."
Das Troll beschnupperte ihn und nickte. „Erdiger Junge."
Sie gingen zu einem Bach. Das Wasser war kalt, die Strömung stark. Kári sah, dass die Schnur um seine Taille lose in der Hand des Trolls hing.
„Du musst mich gut waschen", sagte Kári. „Mutter sagt, ich sei furchtbar schmutzig."
Das Troll beugte sich über den Bach. Kári tat, als wolle er sich waschen, band aber rasch die Schnur um einen großen Stein am Ufer.
„Jetzt darfst du mich hochziehen", sagte er und sprang selbst hinter einen anderen Stein.
Das Troll zog. Der Stein rührte sich nicht.
„Du bist schwerer, als du aussiehst!", brüllte es.
„Ich sagte dir, ich sei kein gewöhnlicher Junge", rief Kári.
Das Troll zog noch einmal, mit aller Kraft. Da löste sich der Stein plötzlich vom Ufer und rollte in den Bach. Das Troll verlor das Gleichgewicht, fiel vornüber und schlug mit solchem Lärm ins Wasser, dass der Nebel auseinanderriss.
Kári lief.
Er lief die Heide hinunter, über Moor und Stein, bis er die Lichter seines Hofes sah. Der Widder stand ruhig am Weidezaun, als sei er nie verloren gewesen.
Káris Mutter empfing ihn mit Zorn in den Augen und Erleichterung im Gesicht. „Wo warst du?"
„Ich habe einem Troll das Denken beigebracht", sagte Kári.
Sie wollte ihn schelten, doch da war weit oben auf der Heide ein zorniges Brüllen und ein Platschen im Bach zu hören.
Danach ging Kári seltener allein auf die Heide. Doch wenn er es tat, hatte er stets ein Stück Käse in der Tasche.
Denn man weiß nie, wann man Wasser aus einem Stein pressen muss.
